Warum fühle ich mich so allein, obwohl ich Freunde habe?
Man kann Freunde haben, regelmäßig mit anderen Menschen zusammen sein und sich trotzdem allein fühlen. Für Jugendliche ist das häufig schwer einzuordnen. Schließlich sind Menschen da, man trifft sich, schreibt miteinander und gehört vielleicht sogar zu einer festen Gruppe. Und trotzdem bleibt dieses Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören oder mit niemandem richtig verbunden zu sein.
Einsamkeit bedeutet deshalb nicht unbedingt, dass jemand keine Freunde hat. Entscheidend ist eher, wie die Beziehungen erlebt werden. Es macht einen Unterschied, ob man sich mit anderen Menschen wirklich verbunden und verstanden fühlt oder ob man zwar dazugehört, sich selbst in den Beziehungen aber kaum zeigen kann.
Gerade im Jugendalter verändert sich in dieser Hinsicht viel. Freundschaften werden wichtiger, gleichzeitig verändern sie sich. Menschen entwickeln unterschiedliche Interessen, neue Freundschaften entstehen, andere gehen auseinander. Auch erste Liebesbeziehungen bekommen eine Bedeutung, die Freundschaften manchmal verändert. Gleichzeitig ist die eigene Vorstellung davon, wer man selbst ist, noch in Entwicklung. Die Frage, wo man dazugehört und wo man seinen Platz hat, kann deshalb besonders wichtig werden.
Manchmal entsteht Einsamkeit auch dort, wo nach außen hin eigentlich alles in Ordnung aussieht. Ein Jugendlicher kann mit anderen lachen, unterwegs sein und trotzdem das Gefühl haben, dass niemand wirklich weiß, wie es ihm geht. Vielleicht werden bestimmte Seiten von sich zurückgehalten, aus Angst, nicht verstanden oder abgelehnt zu werden. Man passt sich an, versucht unkompliziert zu sein oder orientiert sich stark daran, was die anderen erwarten. Die Beziehung bleibt dadurch bestehen, aber etwas Wesentliches fehlt: das Gefühl, sich mit den eigenen Gedanken und Gefühlen zeigen zu können.
Das kann auf Dauer sehr belastend sein. Denn wenn man sich selbst in seinen Beziehungen kaum zeigen kann, kann auch die Erfahrung, von anderen wirklich angenommen zu werden, nur schwer entstehen.
Auch die eigene Wahrnehmung spielt dabei eine Rolle. Wer sich selbst als uninteressant, schwierig oder nicht liebenswert erlebt, wird soziale Situationen anders wahrnehmen als jemand, der sich grundsätzlich als angenommen erlebt. Eine ausbleibende Nachricht oder eine Verabredung, zu der man nicht eingeladen wurde, kann dann sehr schnell zu der Vorstellung führen: Die anderen wollen mich nicht dabei haben. Manchmal trifft diese Wahrnehmung zu. Manchmal werden aber auch frühere Erfahrungen und die eigene Unsicherheit in die aktuelle Situation hineingetragen.
Besonders schwierig wird es, wenn aus solchen Erfahrungen ein Rückzug entsteht. Wer Angst davor hat, abgelehnt oder enttäuscht zu werden, kann beginnen, Kontakte zu vermeiden oder sich emotional zurückzuhalten. Das kann zunächst entlastend sein. Wenn man sich nicht auf andere einlässt, kann man auch nicht so leicht verletzt werden. Gleichzeitig fehlen dann aber genau die Erfahrungen, die eigentlich gebraucht würden: dass jemand Interesse zeigt, dass eine Beziehung auch eine Enttäuschung aushält oder dass man mit seinen eigenen Unsicherheiten angenommen werden kann.
So kann ein Kreislauf entstehen. Man fühlt sich einsam, zieht sich zurück, hat dadurch weniger Möglichkeiten für echte Begegnung und fühlt sich anschließend noch stärker allein.
Auch soziale Medien können dieses Erleben verstärken. Dort sieht man ständig andere Menschen, die scheinbar dazugehören, Freunde haben, unterwegs sind und gemeinsam etwas erleben. Gerade wenn man sich selbst schon unsicher oder ausgeschlossen fühlt, kann der Eindruck entstehen, dass alle anderen ihren Platz gefunden haben und nur man selbst außen steht. Dabei wird natürlich nur ein Ausschnitt des Lebens sichtbar. Auch Menschen, die auf Fotos mitten in einer Gruppe stehen, können sich einsam fühlen.
Einsamkeit ist deshalb nicht einfach eine Frage davon, wie viele Menschen jemand um sich hat. Es geht vielmehr um die Qualität von Beziehungen und um die Möglichkeit, sich in ihnen als derjenige zeigen zu können, der man tatsächlich ist.
Wenn das Gefühl, allein oder nicht zugehörig zu sein, über längere Zeit bestehen bleibt, kann es sinnvoll sein, genauer hinzuschauen. Dabei geht es nicht nur um die Frage, ob genügend soziale Kontakte vorhanden sind. Es kann ebenso wichtig sein zu verstehen, wie Nähe erlebt wird, welche Erwartungen an andere bestehen, wie mit Zurückweisung umgegangen wird und welchen Stellenwert die eigene Person in den Beziehungen bekommt.
Gerade in der Jugend können sich solche Erfahrungen auf das weitere Selbstbild und die Gestaltung von Beziehungen auswirken. Psychotherapeutisch kann es deshalb hilfreich sein, nicht nur die aktuelle Einsamkeit zu betrachten, sondern auch zu verstehen, was es so schwer macht, sich mit anderen wirklich verbunden zu fühlen.